letzte Änderung
23 Mai, 2011

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Seelenwanderung

Seelenwanderung

Das Wetter war mies, es regnete und der Wind heulte um die Hausecken. Es passte zu Christinas Stimmung, denn sie war auf dem Weg ins Krankenhaus zu ihrem Opa, den sie sehr liebte. Mehr als alles auf der Welt, denn er hatte sie groß gezogen, nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Er war alles, was sie noch hatte. Aber er war alt geworden und seit einigen Tagen ging es ihm sehr schlecht. Der Arzt meinte, dass ihm nur noch wenig Zeit bliebe.

Bedrückt öffnete sie die Zimmertür und als sie ihn so klein und abgemagert in seinem großen, weißen Bett liegen sah, kamen ihr die Tränen. Aber er lächelte sie an, streckte die Hand nach ihr aus und meinte: „Komm, sei nicht traurig. Schau, ich habe mein Leben gelebt. Ich bin alt und es wird Zeit, dass ich Platz für einen anderen mache. Du weißt, dass ich an die Reinkarnation glaube und bin davon überzeugt, dass wir uns eines Tages wieder begegnen. In irgendeinem Körper werde ich weiter leben und ich werde Dich finden.“ Christina weinte nur noch mehr. „Ich würde so gerne daran glauben, aber ich kann es einfach nicht. Wenn es so wäre, warum haben sich meine Eltern nie bei mir gemeldet? Sie mussten doch wissen, wie sehr ich sie vermisst habe.“ Der Opa wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. „Sie waren ganz bestimmt immer bei Dir und haben Dich beschützt. Du hast sie nur nicht erkannt, aber mich wirst Du erkennen, dafür werde ich sorgen.“ Seine Zuversicht beruhigte Christina etwas und sie fiel ihm um den Hals. Sie blieb noch lange bei ihm sitzen und hielt seine Hand. Plötzlich merke sie, dass der Opa nicht mehr atmete und rief nach dem Arzt. „Er ist friedlich eingeschlafen.“

Für Christina kamen einige schlimme Tage, aber sie kam gar nicht groß zum Nachdenken, denn sie musste die Beerdigung organisieren und alles erledigen, was gemacht werden musste. Erst als alles vorbei war, kam sie wieder etwas zur Ruhe.

So gingen die Wochen ins Land und Christina musste immer wieder an das denken, was der Opa gesagt hatte. Sie würde so gerne daran glauben, aber sie konnte es leider nicht. An einem wunderschönen Sommertag ging sie im Park spazieren, hing ihren Gedanken nach und genoss einfach nur das schöne Wetter. Plötzlich raschelte es im Gebüsch und ein großer Mann packte sie am Arm und hielt ein Messer an ihren Hals. „Wenn Du Dich fügst, wird Dir nichts passieren.“ Christina war starr vor Angst und traute sich nicht, sich zu wehren. Der Mann wollte sie ins Gebüsch ziehen, als ein dunkler Schatten über die beiden fiel. Ein großer Schäferhund packte den Mann am Arm und biss so kräftig zu, dass die Knochen brachen und er das Messer mit einem Schmerzensschrei fallen ließ. Als der Hund den Arm losließ, suchte der Mann sein Heil in der Flucht, sich immer wieder umblickend, ob der Hund ihm wohl folgen würde. Als Christina sich halbwegs beruhigt hatte, sah sie sich den Hund genauer an. Es war ein großer, grauer, prächtiger Schäferhundrüde, der vor ihr saß und sie mit seinen braunen Augen ganz ruhig ansah. Christina glaubte nicht richtig zu sehen, denn es waren die liebevollen Augen des Opas, die sie aus dem Gesicht des Hundes anschauten. Sie fiel dem Hund um den Hals und drückte ihn ganz fest an sich. „Du bist wieder bei mir. Wirst Du auch bleiben oder musst Du wieder fort?“ Der Schäferhund drückte sich an ihr Bein und folgte ihr ohne Widerstreben nach Hause. Er blieb noch viele Jahre an ihrer Seite und beschützte sie vor allen Gefahren des Lebens.

 

[Seelenwanderung]